(Zwei persönliche Anmerkungen vorweg:

Erstens. Ich persönlich bin gegen die Ehe als normatives Konstrukt und würde es begrüßen, wenn es die Unterscheidung zwischen »verheiratet« und »nicht verheiratet« grundsätzlich nicht mehr geben würde, für niemanden. Andererseits finde ich es genauso falsch, Menschen zu verurteilen, die den Wunsch haben, verheiratet zu sein. Das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe sehe ich als politischen Fortschritt im Sinne einer rechtlichen Normalisierung von Homosexualität.

Zweitens. Ich erlaube mir im Folgenden über den emanzipatorischen Aspekt der Schwulenbewegung zu schreiben, obwohl ich selbst heterosexuell bin und damit aus einer privilegierten Perspektive spreche. Ich tue dies trotzdem, weil ich mich dafür einsetzen möchte, dass wir alle (also ALLE) im Dialog miteinander bleiben können, trotz bestehender Ungleichheiten und bestehendem Unrecht auf verschiedensten Feldern. Ich persönlich kenne kein wirksameres Mittel konstruktiver Veränderung – im Sinne einer Überwindung ungleicher Zustände – als das beständige RINGEN um Verständigung durch EMPATHIE).

Ein guter Freund von mir schrieb am 30. Juni dieses Jahres auf Facebook:

»20 Jahre lang habe ich nun darauf gewartet, meinen Liebsten heiraten zu dürfen; darüber bin ich irgendwie ganz schön alt und grau geworden. Schön, dass die Ehe für alle kommt – aber das wurde auch allerhöchste Zeit.«

Was heute Gesetz ist, hielten meine Eltern noch vor 10 Jahren für völlig verrückt. Und wir müssen gar nicht so weit in der Zeit zurückgehen, da wurden Schwule noch als perverse Außenseiter unserer Gesellschaft ausgegrenzt und kriminalisiert. Von der Diskriminierung schwuler und lesbischer Menschen bis hin zum Gesetz für die gleichgeschlechtliche Ehe war es ein weiter Weg, der von einzelnen hart erkämpft werden musste – denn große Veränderungen gehen niemals ohne Schmerz und heftige Widerstände einher. Daher braucht es mutige Menschen, die den Anfang machen und solchen emanzipatorischen Entwicklungen den Weg ebnen.

Einer meiner Lieblingsfilme war schon ‹immer› der Film »Milk«. Es gibt da diese Szene, in der der Schwulen-Aktivist und spätere Lokalpolitiker Harvey Milk seine Leute auffordert, ihre Familien anzurufen und sich zu outen. Für mich immer wieder eine der Schlüsselszenen zum Thema Emanzipation, weil ich darin diesen Schmerz des inneren Dilemmas erahnen kann: Wie lange ist es mir wichtiger, »dazuzugehören« und anerkannter Teil einer Gemeinschaft zu sein – wieviel von mir selbst bin ich bereit zu unterdrücken und zu verleugnen, nur um dazuzugehören und (vermeintlich) akzeptiert zu werden?

Wie unerträglich groß muss der Schmerz der Selbstverleugnung werden, damit ich irgendwann den Mut aufbringe, zu sagen: Nee Leute, ich mache bei eurem normierten Erwartungs-Scheiß nicht mehr mit – ich stehe zu mir selbst – auch wenn ich dadurch vielleicht Anerkennung, Liebe, Job, Geld, Freunde, … verliere.

Der persönliche Leidensdruck muss entsprechend hoch sein, um das Risiko des Ausgestoßenwerdens als das geringere Übel zu betrachten. Die wenigsten von uns kommen überhaupt jemals in eine vergleichbar schmerzhafte Situation.

Das ist einerseits ein Glück, andererseits der Grund dafür, warum notwendige Veränderungen so selten auf den Weg gebracht werden. Oft ist es einfacher, ein eigenes Unbehagen zu verdrängen und sich einzureden, dass »alles schon nicht so dramatisch ist«. Der Beginn von Veränderung erfordert aber den Mut, sich selbst in den eigenen Bedürfnissen ernst zu nehmen, statt sie ständig herunter zu spielen.

Es geht darum, das Eigene gegen Widerstände zu verteidigen und sichtbar zu machen – dadurch einerseits Ablehnung zu erfahren, aber andererseits auch genau dadurch andere zu ermutigen, dasselbe zu tun, damit sich insgesamt etwas ändern kann. Mich beeindrucken grundsätzlich Menschen, die sich in entfremdenden Situationen trauen, sich zu zeigen, die das Risiko der Ablehnung eingehen, um für das geliebt zu werden, was sie wirklich sind.

Dafür braucht es immer Menschen, die den sogenannten Stein ins Rollen bringen. Zu den berühmtesten der Schwulenbewegung gehört in dieser Hinsicht natürlich Rosa von Praunheim. Es sind diese Persönlichkeiten, die sich trauen, Vorreiter zu sein und damit am meisten opfern, weil sie das größte Risiko eingehen, als »abartig«, als »gestört« oder als was auch immer verstoßen zu werden. Wenn es aber diese Mutigen nicht gäbe, würden viele Lebensläufe weiterhin in depressiven, fremdbestimmten Sackgassen enden: Unendlich viel unnötiges Elend und nicht gelebtes Leben…

Dabei sind alle Menschen, die ihren wahren Kern entdecken und bedingungslos dazu stehen so schön.

Für mich sind alle großen Emanzipationsbewegungen Vorbild, wenn es um die kleinen Entscheidungen im Alltag geht. Ich werde nicht existentiell bedroht, nicht kriminalisiert, nicht eingesperrt – ich habe also wesentlich weniger zu verlieren, wenn ich »Widerstand leiste« – und dennoch kann ich dadurch definitiv etwas zum Positiven hin verändern. Denn emanzipatorische Impulse sind ansteckend, so klein sie auch sein mögen.

Ich glaube, dass unseren Schulen der ein oder andere emanzipatorische Impuls sehr gut tun würde:

Mein Eindruck ist: Das allgemeine Unwohlsein, das durch Fremdbestimmung und Fremdbeschriftung entsteht, hat inzwischen die breite Masse in unseren Schulen erreicht: Sowohl Schüler_innen aller Schultypen, als auch deren Eltern und große Teile der Lehrkräfte. Das Gefühl, entgegen den eigenen Fähigkeiten und wahren Interessen in einem System funktionieren zu müssen, kennt in verschiedenen Ausprägungen inzwischen jeder Mensch, der in irgendeiner Weise mit dem Bildungssystem in Berührung kommt.

In unseren Schulen hat sich langsam aber beständig ein Gefühl der Selbstentfremdung eingeschlichen, eine Müdigkeit, die durch einen ständigen Anpassungsdruck, durch die ununterbrochene Orientierung an Vorgaben, Standards und Noten verursacht wird, die im Kern dazu führt, dass sich alle irgendwie »falsch« fühlen. Das Eigene muss ständig unterdrückt, begrenzt, verdrängt werden. Alle »spielen quasi Schule«, und halten den äußeren Schein aufrecht, versuchen die Absurditäten des Alltags zu unterdrücken. Und alle tun das, weil sie jeweils glauben, die einzige Person zu sein, die »anders ist«.

Statt dass irgendjemand endlich mal dieses lähmende Unbehagen durchbricht und sich traut zu fragen: Was machen wir hier eigentlich??

Statt einmal zu sagen: Wenn ich ehrlich bin, dann denke ich dies… Wenn jeder einmal ehrlich zum eigenen Gedanken stehen würde, dann würden alle merken, dass »Inklusion« etwas ganz anderes ist, als das, was uns in den Schulen als Inklusion verkauft wird. Dann würden alle sehen, dass der Kaiser nackt ist und dass wir alle – im Sinne von jede_r einzelne von uns – etwas anderes tun können und vor allem tun müssen, wenn wir die Zeit unserer Kinder nicht länger verschwenden wollen. Wir brauchen keine Noten, denn wir wissen längst im Stillen, dass sie keine Leistung mehr abbilden.

Wir brauchen andere Konzepte, andere Regelwerke, andere (Frei-)Räume, andere Ziele. Die meisten wissen längst, dass die Kinder nur dann ihr gesamtes Potenzial entwickeln können, wenn sie verschieden bleiben dürfen und nicht in immer inhaltslosere Standardisierungs-Prozesse eingehegt werden müssen. Wenn wir anfangen würden, uns zu trauen, selbst zu denken und darüber mit anderen zu sprechen, wäre ein Anfang gemacht, Schule wieder so zu gestalten, dass sie allen Beteiligten wieder Sinn vermitteln kann.

Denn dann wäre der Weg frei darüber nachzudenken, was jede_r von uns selbst konkret tun und auf den Weg bringen kann, damit alle wieder lebendig und wach werden und das tun und weiter entwickeln können, was jeden einzelnen im Innersten ausmacht.

Ich glaube an das schlummernde Potenzial aller Experten vor Ort – nämlich das der Lehrkräfte, der Jugendlichen und der Eltern. Es gibt Konzepte, die wirklich von der Vielfalt der Schüler_innen (und übrigens aller an Schule Beteiligten!) ausgehen und wirklich deren individuelle Fähigkeiten hervorbringen – und damit insgesamt für viel größere und überzeugendere Leistungen sorgen, als wir es derzeit in den meisten Schulen erleben. Ich weiß das, weil ich selbst irgendwann aufgehört habe, mich zu belügen und stattdessen dem inneren Impuls gefolgt bin, Unterricht so zu denken und zu gestalten, wie er für meine Schüler_innen und mich selbst wieder Sinn machte.

Und wenn ich das kann, dann können das auch andere.

Es kann sich nichts verändern, wenn alle immer nur darüber reden, was nicht geht. Es geht so vieles, wenn wir uns unser Unbehagen eingestehen, unsere Perspektive ändern und unseren Erfahrungen, unserem Fachwissen und unseren Fähigkeiten zur Erneuerung vertrauen. Vielfalt bedeutet nicht, dass alle in das gleiche große Anpassungs-Raster eingeordnet werden – weder die Schüler noch die Lehrer! Vielfalt bedeutet, dass alle selber denken und den Mut aufbringen, das Eigene einzubringen. (Das gilt eben auch für die Erwachsenen!).

Also: Wie lange ist es mir wichtiger »dazuzugehören« und anerkannter Teil eines depressiven Schulsystems zu sein – wieviel von mir selbst bin ich bereit zu unterdrücken und zu verleugnen, nur um dazu zu gehören und (vermeintlich) akzeptiert zu werden? … (Hier setze ich ein kleines Augenzwinkern…).

Rosa von Praunheim hat mit seinem Film »Act! Wer bin ich?« einen ersten kleinen Stein ins Rollen gebracht. Er hat sich dem Thema Bildung zugewandt und seine Aufmerksamkeit darauf gerichtet, was möglich wird, wenn Vielfalt tatsächlich der Maßstab ist und junge Menschen sich trauen, entfremdende Systeme in Frage zu stellen und sie zu überwinden. Die Frage ist, ob wir diesen Impuls aufgreifen wollen und dies zum Anfang einer größeren Geschichte machen können:

Der Geschichte unserer eigenen überfälligen Emanzipation von einem längst überholten Schulsystem.

Es gibt noch so viele schlummernde Ideen, wie Vielfalt zum Glücksfall wird – ACT e.V. repräsentiert nur eine davon und hat sich entschieden, solche Ideen Realität werden zu lassen. Andere haben im gesellschaftspolitischen Kontext bei weitem größere Opfer bringen müssen. Wir müssten im viel harmloseren Feld Bildung nur einfach mal ein bisschen mutiger sein. Denn sogar das würde sich lohnen und etwas in Bewegung bringen, von dem wir alle wissen, dass es notwendig ist.

In meinem Fall war es eine Schülerin, die bei mir »den Stein ins Rollen gebracht hat«. Deswegen hier jetzt eine kleine persönliche Geschichte, warum ich an emanzipatorische Impulse glaube:

In meinem zweiten Jahr als Lehrerin an einer Berliner Hauptschule nahmen meine Schüler_innen an einem renommierten Tanzprojekt teil. Geleitet wurde es von einem bekannten Tänzer und Choreographen, der auch im Film »Rhythm is it« mit den Berliner Philharmonikern ein Tanzprojekt mit Jugendlichen durchgeführt hatte. Das symbolische Kapital des Tänzers war enorm, insbesondere durch den Ruhm des Films, der gerade in den Kinos lief. Ganz selbstverständlich entstand der Eindruck, dass ein großer Künstler sich hergab, um mit diesen »schwierigen Jugendlichen« zu arbeiten. Der Subtext war sehr laut: Die Jugendlichen sollten dankbar sein für diese tolle Erfahrung, die ihnen zuteilwurde. Bei mir entstand durch diese allgemeine Lesart von Anfang an ein beklommenes Gefühl. Aber es brauchte noch ein wenig, bis ich das in Worte zu fassen konnte.

Aus diesem zweiten Jahr ist mir folgende Situation in lebhafter Erinnerung geblieben:

Der Tänzer arbeitete mit meiner Klasse in unserer Aula. Ich saß am Rand und schaute zu. Eine Schülerin, nennen wir sie Yasmin, hatte dem Tänzer zu Beginn dieser ersten Probe klargemacht, dass sie nur mitmachen könne, wenn »niemand sie anfasse«. Der Tänzer nickte etwas unkonzentriert und sagte, das sei »kein Problem«. »Wie mutig und klar, dass sie ihre persönliche Grenze gleich zu Beginn so unmissverständlich benennt«, dachte ich und beobachtete vom Rand aus das Geschehen.

Beim Warm-up zu Beginn ging noch alles gut. Aber dann leitete der Tänzer kleine Hebefiguren an und die Schülerinnen sollten zu zweit arbeiten und sich gegenseitig kurz hochheben. Yasmin blieb mit verschränkten Armen im Raum stehen und sagte, dass sie das nicht wolle. Daraufhin ging der Tänzer auf sie zu, legte mit freundlichem Gesicht seine Hände auf ihre Hüften und sagte: »Schau mal, das ist gar nicht schlimm. Ich mache es einfach mal vor…«

Yasmin rastete aus. Sie schrie und feuerte eine Kanonade an Flüchen ab, dann schubste sie den Tänzer mit voller Wucht von sich. Jetzt explodierte auch der Tänzer und brüllte Yasmin zusammen. Aber statt, dass sie zurückwich, hob sie den Kopf und schimpfte lautstark zurück. Rhetorisch war sie ihm in der Vielfalt ihrer Beschimpfungen haushoch überlegen. Die gesamte Klasse stand stumm im Raum und starrte die beiden mit offenem Mund an. Der Eklat endete mit Yasmins Rausschmiss: Der Tänzer forderte sie in lauten, scharfen Worten auf, den Raum zu verlassen, er könne mit solchen »unerzogenen Gören« nicht arbeiten, sie brauche nicht mehr wieder zu kommen, Tschüss!

Yasmin warf mir einen kurzen bebend wutverzerrten Blick zu und zögerte den Bruchteil einer Sekunde. Das war meine Chance. Ich machte eine winzige beschwichtigende Geste mit meinen Händen und gab ihr zu verstehen, dass sie einfach erstmal zu mir auf die Bank kommen sollte. Yasmin stand noch ein paar Sekunden mit hochrotem Kopf im Raum, dann stampfte sie wutentbrannt auf mich zu und ließ sich neben mich auf die Bank fallen.

Ich hatte Herzrasen. In einer vergleichbaren Situation früher als Jugendliche in einem solchen Projekt hätte ich mich nie im Leben getraut, einer Autoritätsperson so entgegenzutreten. Ich empfand geradezu »flammende« Bewunderung für dieses Mädchen. Aber alle anderen im Raum – die Schüler_innen, die begleitenden Lehrkräfte und auch der Tänzer – schienen von mir als Lehrerin dieser Klasse zu erwarten, dass ich Yasmin unmissverständlich sanktionierte. Ich dachte nicht daran.

Still saßen wir nebeneinander bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte. Irgendwann fragte ich leise: »Was willst du jetzt machen, weiter mitmachen?« Yasmin warf mir einen trotzigen Blick zu: »Darf ich ja nicht!« Ich schüttelte den Kopf. »Natürlich darfst du weitermachen – die Frage ist, ob du das willst…? Soll ich noch mal mit ihm sprechen?« Yasmin sagte »Nein!« und starrte auf den Boden.

Ich war mit meiner Rolle als Lehrerin beschäftigt: Würden mir jetzt alle Jugendlichen zukünftig auf der Nase herumtanzen, wenn ich ihr das jetzt einfach durchgehen ließ? Mein Bauchgefühl sagte mir: Scheiß der Hund drauf. Sie hat Recht. Also gab ich mir einen kleinen Ruck und murmelte: »Ich hätte mich das in deinem Alter so nie getraut, Yasmin, und du hast recht. Ich finde es unglaublich bewundernswert, dass du dich wehrst. Wenn du weiterhin mitmachen willst, finden wir eine Lösung, die für dich ok ist«.

Yasmin antwortete nicht und starrte weiter auf den Boden. Ich fragte mich, ob sie mich verstanden hatte. Es vergingen einige Minuten in absolutem Schweigen, wir beide nebeneinander auf dieser Bank, während die Probe vor uns weiterging. Dann plötzlich sprang Yasmin auf und bewegte sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen, mit schnellen Schritten in die Mitte des Raumes. Ich hielt den Atem an. Aber sie sagte nichts, sie stand nur eine Weile einfach da und hörte dem Tänzer zu, beobachtete, was die anderen machten – und stieg wieder ein.

Der Choreograf hielt einen Augenblick inne, warf mir einen fragenden Blick zu, ich nickte nur unmerklich und er wandte sich wieder der Gruppe zu. Yasmin blieb.

Diese Situation ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Es gibt daher in unserer Arbeit jetzt die »Veto-Regel«: Jede Person im Raum kann jederzeit »Veto« sagen und eine Anweisung – ohne Begründung – verweigern.

Erst dadurch entsteht der innere Freiraum, sich auf Neues und Fremdes einzulassen und sich zu trauen, Risiken einzugehen.

Es ist so, wie wenn wir auf dem 10-Meter-Turm stehen: Wir möchten selbst entscheiden, wann wir springen – und nicht runter geschubst werden. Wahrscheinlich wird jeder denken: Das ist doch eine banale Geschichte – das hätte doch jeder so gemacht. Dazu nur folgendes:

Damals habe ich die Situation keineswegs als selbstverständlich empfunden. Ich hatte zuvor von Yasmin niemals gehört, dass sie keinen Körperkontakt wollte. Auch von anderen Kollegen hatte ich keine Informationen zu einer eventuellen Vorgeschichte, auch in ihrer Schülerakte war nichts dergleichen vermerkt. Ich wurde von jetzt auf gleich einfach nur mit einem extrem ausfallenden Verhalten konfrontiert, einem Verhalten, das im Kontext Schule im Normalfall mit Sanktionen beantwortet wurde. Die allgemeine Lesart war überhaupt nicht: Wie geht es diesem Mädchen, dass es so krass reagiert? Sondern: Wieder mal ein unmögliches Verhalten einer frechen Hauptschülerin. Dabei hat sie doch die Chance, an einem so tollen Projekt mit einem so renommierten Künstler teilzunehmen!

Dass ich diese Lesart nicht übernahm, hatte eher damit zu tun, dass sie in mir selbst ein Gefühl von Reue auslöste, im Sinne eines inneren Wunsches, in tausend selbst erfahrenen (demütigenden) Situationen ebenso mutig und widerständig reagiert zu haben. Der Druck, sich anzupassen und »keinen Ärger« zu machen, hatte bei mir selbst als Schülerin immer dazu geführt, dass ich im Zweifel bemüht war, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Niemals hätte ich mich in einer vergleichbaren Situation getraut, so massiv und laut zu protestieren und damit meinen Ausschluss zu riskieren.

Und im Schulalltag als Lehrerin erlebte ich mich in Berlin tagtäglich in einem ähnlichen Zwiespalt: Immer wieder galt es als selbstverständlich, dass auf widerständiges oder gar ausfallendes Schülerverhalten die immer gleiche Konsequenz erfolgte: Sanktion und Ausschluss. Ein sogenanntes NDHL-Kind (nicht deutsches Herkunftsland) oder irgendwie »auffälliges« Kind wurde nur in den allerseltensten Fällen nach seiner Perspektive oder seinen Beweggründen gefragt.

Ich selbst aber brauchte innerlich mehrere Anläufe und insgesamt zwei Jahre, bis ich mich offen traute, mich diesen »selbstverständlichen Regelsystemen« zu widersetzen und in Konferenzen offen eine andere Haltung, nämlich die Perspektive meiner Schüler_innen, zu vertreten. Mir wurde dann von einigen Kollegen »mangelnde Solidarität« vorgeworfen. Es war der Anfang dessen, was ich als »Training zur Schärfung meines Konfliktpotenzials« bezeichne. 😉

Das Schwierigste dabei ist für mich, immer wieder zu erfahren, dass ich, wenn ich mich traue, in irgendeiner Form Widerstand zu leisten, sofort mit dem ungeheuren Schmerz konfrontiert werde, in der Folge als »schwierig«, »hysterisch« oder gar »verrückt« bezeichnet – und somit ausgeschlossen – zu werden. Aber genau das auszuhalten – darin besteht die Aufgabe des Trainings… Und ich denke dann an Yasmin:

Was für einen Mut braucht es, als Jugendliche im übermächtigen System Schule und gegen eine allgemein anerkannte Autorität aufzustehen?

Ich glaube, dass diese Situation mit Yasmin für mich so etwas wie ein emanzipatorischer Startpunkt gewesen ist. Sie war und ist für mich bis heute ein Vorbild.

Yasmin hat bis zum Schluss an den Proben des Tanzprojektes teilgenommen. In meiner Wohnung hängt ein Foto von der öffentlichen Vorstellung im ICC Berlin, auf dem sie auf großer Bühne von sechs anderen Schüler_innen auf ausgestreckten Armen durch den Raum getragen wird. Sie selbst hat sich diesen choreografischen Teil so gewünscht.