Jamaika ist gescheitert. Das ist für mich ein Schock. Ich hatte mein Vertrauen in die verantwortungsvolle demokratische Verhandlungs-Kompetenz der Parteien gesetzt.

Ich empfinde das Scheitern der Koalitionsverhandlungen als Katastrophe, denn es stärkt die destruktiven und auf Abgrenzung zielenden Kräfte in unserer Gesellschaft. Spätestens jetzt möchte ich dazu aufrufen, das wir uns massiv, entschieden und mutig für eine offene Gesellschaft der Vielfalt einsetzen.

»Ein bisschen Vielfalt« geht nicht. Entweder Vielfalt oder Einfalt.

Entweder Konkurrenz, Abgrenzung und Abwertung der jeweils »anderen« –

oder

Kooperation, Begegnung auf Augenhöhe und Verschiedenheit als Reichtum.

Ich zweifle mehr und mehr daran, dass »links«, »rechts«, »konservativ«, »liberal« »Ost«, »West« usw. Begriffe sind, die Orientierung geben können. Die Bedeutungs-Schnittmengen sind völlig ungeklärt. Was meint jemand, der »links« sagt? Meinen wir dasselbe?

Wir müssen miteinander reden und wir müssen darum ringen, Bedeutungs- und Werte-Schnittmengen zu finden. Wir müssen die (Vor-)Urteile und Beschriftungen, die wir im Kopf haben, hinter uns lassen und uns gegenseitig suchend begegnen. Nur dann können wir herausfinden, wo wir Allianzen bilden können. Allianzen gegen den Feind.

Der »Feind« sind für mich all jene, die aufgehört haben, die Würde und Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen zu achten. Jeder einzelne Mensch ist ein Universum an Möglichkeiten, an Hoffnungen und an Ideen. Die Würde und Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen zum Maßstab des eigenen Denkens und Handelns zu machen, halte ich für die wichtigste Orientierungs-Koordinate, um heraus zu finden, welche Allianzen möglich sind.

Alles andere können wir verhandeln. Wir müssen lernen, nicht gleich beleidigt zu sein, wenn jemand etwas sagt, das wir nicht sofort gutheißen können. Wir müssen uns anstrengen, unsere Verschiedenheit auszuhalten und uns gegenseitig näherkommen. Nicht gleich türenknallend den Raum verlassen. Denn damit helfen wir all denjenigen, die an der Abschaffung all jener Werte arbeiten, die für ein konstruktives Miteinander in Frieden und Wohlstand die Grundbedingung sind.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wo sie verletzt wird, müssen wir einschreiten und all unsere Kräfte und unser Wissen nutzen, um gemeinsam und auf Augenhöhe Lösungen für die bestehenden Probleme zu finden.

Wenn sich jede*r mit allem Eigenen vollwertig einbringen und mitgestalten kann, dann HABEN wir unzählige verschiedenste Möglichkeiten diese Gesellschaft konstruktiv zu gestalten – und unsere Ängste gemeinsam zu überwinden.

»Das Fremde« gibt es nicht. »Das Fremde« ist eine Konstruktion, die ein illusorisches »Wir« erschafft und nur sehr kurzfristig vermeintlichen (!) Selbstwert beschert, aber in Wahrheit die Entfremdung des Menschen von sich selbst überhaupt erst produziert.

Das »Fremde« ist nicht mehr fremd, wenn ich es kennen lerne. Also geht raus und bildet Allianzen! Es ist noch nicht zu spät.

Dazu auch im Spiegel:
»Raus aus der Abwertungsspirale« von BERNHARD PÖRKSEN

»Die Zeit des Redens sei vorbei, so ihre These. Sibylle Berg liegt falsch. Denn die Form des richtigen Redens gilt es gerade jetzt erst zu entdecken – dies in einem gesellschaftlichen Moment, in dem die alten Stigmatisierungstechniken nicht mehr greifen und ihre kontraproduktiven Wirkungen sichtbar werden. Und vielleicht liegt hier, in der reichlich späten Aneignung des kommunikationspsychologischen Basiswissens, das entscheidende Versagen der gesellschaftlichen Mitte. Aber wie könnte man feststellen, ob der Diskurs wirklich gelungen ist und nicht lediglich ein Symptom einer neuen Form von Ignoranz?

Es gibt dafür, jenseits aller Prinzipien, einen einfachen Test. Es muss in diesem großen, öffentlichen Gespräch möglich sein, den ganzen Schmerz sichtbar zu machen, nicht allein die Angst und die Verletzung spezieller Gruppen. Was ist mit der Rede von dem ganzen Schmerz gemeint? Damit ist gemeint, dass auch die Erfahrungen derjenigen, die wegen ihres Aussehens, ihrer Hautfarbe oder sonst irgendeines anderen Merkmals angegriffen und abgewertet werden, ihre Geschichte erzählen können.

Das Leid der Diskriminierung, das Menschen in diesem Land aus den unterschiedlichsten Gründen erfahren, muss vorkommen können. Denn ohne dies wäre das Bild deutscher Zustände des Jahres 2017 unvollständig und auch der Dialog im Letzten nichts wert.«

(Aus: »Raus aus der Abwertungsspirale – Mit Rechten reden und mit Rechtspopulisten streiten – aber wie? Vorschläge aus kommunikationspsychologischer Perspektive«, BERNHARD PÖRKSEN)

Maike Plath, 20.11.2017