2018

Herrschaft oder Führung?

Wir haben in Deutschland ein Problem mit dem Begriff „Autorität“. Im Bereich Bildung behaupten alle – zugespitzt -, dass autoritäre Verhaltensweisen doch längst überwunden seien und doch schon lange eine sogenannte „Kuschelpädagogik“ herrsche. Diese unsinnige Polarisierung zeigt mir immer nur, dass etwas Wesentliches nicht verstanden wird. Das konnte ich insbesondere in Neukölln an sogenannten Brennpunktschulen erleben: Offenbar vertraut Deutschland seiner anspruchsvollen und viel beschworenen Pädagogik nur so lange, wie alles „normal“ ist im Klassenraum. Sprich: Nur so lange, wie sich ausreichend viele Jugendliche anpassen. Ausgerechnet in dem Moment aber, wo diese anspruchsvolle Pädagogik sich beweisen müsste, nämlich da, wo es wirklich „schwierig“ – nämlich WIRKLICH divers wird – da wird dann plötzlich doch auf autoritäre Maßnahmen zurück gegriffen: Sanktionen, Ausschluss, Bestrafung. Das durfte ich jahrelang an Schulen in Neukölln erleben, wo mir Lehrkräfte erklärten: Mit DIESEN Schüler*innen geht das eben nicht. Da „muss man hart durchgreifen“. Aha. Ich bin anderer Meinung. Ich denke, wir sollten noch mal genauer hinschauen, ob bei uns nicht einiges durcheinander geht bei der Verwendung der Begriffe „autoritär“ oder „partizipativ“ oder „streng“ oder „demokratisch“ oder „Kuschelpädagogik“ oder oder. Denn dieses ganze Thema ist deswegen so spannend, weil es mit uns allen zu tun hat – mit unserer Gesellschaft und mit Entwicklungen, die sich lohnen, genauer angeschaut zu werden… Viel Spaß mit der neuen Folge Nr. 16  zu Herrschaft oder Führung bei „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“ 

 

 

 

Die Jedi-Ritter des Digitalen Zeitalters

Meine Facebook-Anzeigen-Erfahrung impliziert, dass niemand Bock hat auf das Thema Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz: Texte, in denen diese beiden Wörter – oder eines davon – vorkommen, werden nicht angeklickt. Ich habe aber manchmal das Gefühl, dass es sich um ein Missverständnis handelt: Wer KI thematisiert, denkt doch zwangsläufig über den Menschen nach und wie es weiter gehen könnte. Das ist ja nicht gerade uninteressant. Deswegen versteh ich die „Augen-Roll-Reaktion“ nicht so ganz. Ich finde es wichtig, darüber zu sprechen, auch gerne ein bisschen rum zu spinnen – bietet sich ja an! – aber Hauptsache am Ball bleiben und drüber nachdenken! Oder? Hier mein Text zur neuen Folge bei Rede mal ordentlich, Frau Plath zum Thema „Zukunftsvision Künstliche Intelligenz“:

Ich glaube, wir sollten hin und wieder auch mal von der Zukunft her denken und Visionen für „morgen“ entwickeln…- und nicht immer nur schlechte Laune kriegen wegen der Probleme von heute. Das Thema Künstliche Intelligenz kommt in rasantem Tempo auf uns zu und wird vielfach als Bedrohung wahr genommen. Das ist berechtigt. Nur liegt die Bedrohung nicht in der Künstlichen Intelligenz, sondern im Menschen.

Zu welchen Zwecken wird der Mensch die KI nutzen, und was passiert bereits jetzt?

Während wir nicht so richtig Lust haben, über dieses Thema nachzudenken, finden bereits massive gesellschaftliche Veränderungen statt, die den Alltag in ähnlich massiver Weise verändern werden wie damals die Industrielle Revolution.

Wenn wir vermeiden wollen, dass auch bei der digitalen Revolution zahlreiche Menschen „auf der Strecke bleiben“, in Armut versinken oder in auf Konkurrenz ausgerichteten Effizienz-Systemen entfremdet werden, dann wird es jetzt Zeit, darüber nachzudenken, was den Menschen von der Maschine unterscheidet und in welcher Welt wir leben wollen.

Dafür ist es notwendig, das menschliche Potenzial stärker zu fokussieren, auszubilden und zu stärken: Jene Fähigkeiten, die uns jeder Maschine überlegen machen: Beziehungsfähigkeit, Empathie, Erfindungsgabe, Fantasie, Kommunikation – und die Fähigkeit, immer wieder im direkten menschlichen Miteinander das Unerwartete, nicht voraus Berechenbare zu tun und damit scheinbar aussichtslosen oder bedrohlichen Entwicklungen plötzlich eine hoffnungsvolle Richtung zu geben.

Dafür wäre es unter anderem auch wichtig, Bildung als Baustelle für eine menschliche Zukunft zu begreifen. Lehrkräfte und alle Menschen, die im Bereich Bildung arbeiten, sollten weniger gezwungen sein, Bürokraten und Kontroll-Instanzen zu sein – sondern Experten für verantwortungsvolle soziale Beziehungen, Kommunikation und Kreativität. Denn selbständig und ungewöhnlich zu denken, gleichzeitig verantwortlich im Sinne einer größeren, gemeinschaftlichen Idee handeln zu KÖNNEN und den Mut und Selbstwert zu haben, dies auch zu tun – das sind die eigentlich entscheidenden Fähigkeiten, die wir jetzt brauchen. Denn ansonsten entscheidet alles Mark Zuckerberg. Oder Jeff Bezos.  – Oder Donald Trump. Oder…? Ihr könnt es euch aussuchen. – Oder nicht. Und darum geht es.

In diesem Sinne sind für mich heutzutage die Pädagogen*innen und Künstler*innen und alle, die „abweichend“ sind, die wahren JEDI-RITTER des Digitalen Zeitalters…

Also macht euch an die Arbeit. Möge die Macht mit euch sein.

Der Link zur neuen Folge bei Rede mal ordentlich, Frau Plath: Zukunftsvision Künstliche Intelligenz

https://youtu.be/KJ7vNbIaDPA

 

Die Sehnsucht nach den einfachen Lösungen

Am Wochenende haben Lior und ich einen weiteren ACT Tanz Workshop geleitet – bei dieser Gelegenheit vielen Dank an euch, die ihr daran teilgenommen habt! Es war uns eine Freude!

Was ich hier nun thematisieren möchte, ist folgendes: Am Ende des Workshops fragte eine Teilnehmerin, warum Lior und ich uns beim Feedback der Ergebnisse (bei den Präsentationen im Workshop)  zurück halten und stattdessen die Teilnehmenden zu Wort kommen lassen. Als ich antwortete, dass dies zentraler Teil des Gesamtkonzepts ist, spürte ich die leichte Unzufriedenheit der Teilnehmerin, die daraufhin meinte: Ja, aber ich hätte das jetzt schon wichtig gefunden, dass ihr eure Einschätzung zu den Ergebnissen abgebt, also dass ihr das beurteilt, was wir gemacht haben.

Dazu nur so viel: Es ging mir bei der Entwicklung des Mischpult Prinzips immer darum, die Qualität und den Anspruch der Ergebnisse – und insgesamt der Arbeit – unablässig zu steigern. Ich wollte dies aber nicht im üblichen Format des Urteilens und Wertens durch die Lehrkraft machen, weil ich genau darin das ganze Problem der ungleichen Machtverhältnisse und seiner verheerenden Wirkungen  (eben gerade auf die Qualität der Leistungen und Ergebnisse!) gesehen habe:

Es wurde mir im üblichen Bewertungs-System der Schule viel zu wenig gelernt! Es war alles so langweilig, so langsam, so tot! Ich hatte immer den Eindruck: Mein Gott – wir stagnieren alle in einem geistigen Standby-Modus! Eben gerade GAR kein Anspruch! Schule macht alles MITTEL-schlecht und alle „sind auf höchstens (!) 20 Prozent“ ihrer geistigen und kreativen Möglichkeiten. Mein Eindruck.

Deswegen habe ich darüber nachgedacht, was ich anbieten und wie ich Prozesse führen muss, die die Jugendlichen WACH machen und bei ihnen zu hohen Leistungen  führen. Wesentlichste Erkenntnis auf dem Weg dahin war: Ich muss Wege finden, um sie zunehmend zu ermächtigen, ihre Ergebnisse SELBST zu beurteilen und darin ständig versierter und anspruchsvoller zu werden.

Denn wenn ich als Lehrkraft urteile, dann kann im Raum niemals etwas passieren, das über meinen eigenen Horizont hinaus geht, was zu dieser „Schläfrigkeit“ und Langeweile führt und vor allem diese unendliche Mittelmäßigkeit produziert. Alle sind dann nur auf meine Erwartung – also auf eine Note ausgerichtet. Das eigene Denken wird überhaupt gar nicht angeschmissen. Es geht nur um angepasstes Abarbeiten zuvor formulierter Anforderungen…

Außerdem erzeuge ich in einem solchen System das Gefühl, es gäbe eine Norm, die „richtig“ ist. Dies löst augenblicklich eine Hierarchisierung in der Gruppe aus: Wer von mir am meisten gelobt wird, hat den höchsten Status, wer von meiner Erwartung (und/oder der ausformulierten Norm, dem „Erwartungshorizont“) am meisten abweicht, hat automatisch den geringsten Status.

Unser Schulsystem beraubt sich einer der größten Quellen für wirklich qualitative Lern- und Gestaltungsprozesse und Innovation, weil es noch immer auf das Urteil der Lehrkraft ausgerichtet ist.

Dass dadurch der Anspruch der Leistungen steigt, ist eine geradezu irrsinnige Illusion. Ich habe in jahrelanger Erfahrung das komplette Gegenteil erlebt. Aber um diese Stagnation aufzubrechen und die Qualität zu steigern, muss die Lehrkraft etwas ganz ANDERES machen:

Der Fokus muss auf der demokratischen FÜHRUNG der Prozesse liegen und auf der Auswahl des Materials (Mischpult). Wie genau das alles funktioniert, kann ich eben nicht am Ende eines TANZ-Workshops mal eben kurz erläutern. Zumal beim Tanz-Workshop der Schwerpunkt auf der Arbeit mit dem Tanz-Mischpult liegt und die Prinzipien der demokratischen Führung und der Statuslehre nicht im Fokus stehen – alleine aufgrund der Zeit. Dafür empfehle ich dann die Workshops „Status 1 und 2“.

Aber insgesamt muss ich natürlich sagen, dass die Antwort auf eine solche Frage natürlich mein Konzept selbst ist! Ich habe die letzten Jahre versucht, alles transparent zu machen und ausführlich zu beschreiben – insbesondere in der neuen Publikation „Befreit euch!“.

Einfache Lösungen gibt es nicht. Wenn euch wirklich interessiert, warum wir in unserer Gesellschaft ein Problem mit ungleichen Machtverhältnissen haben, wie das alles schon in der Schule anfängt und welche verheerenden Wirkungen das GERADE auf den Anspruch der Leistungen und das Potenzial aller Beteiligten insgesamt hat – dann lade ich euch ein, euch INSGESAMT mit meinem Konzept zu beschäftigen. Es liegt jetzt in insgesamt 9 Publikationen vor – und ihr könnt überall einsteigen. Es gehört alles zusammen und verschiedenste Einstiege sind möglich.

Das „Mischpult Prinzip“ – mein Konzept – ist meine konkrete Antwort auf eure Fragen – aber sie erfordert auch eure eigene Bereitschaft nachzudenken, mitzudenken, weiter zu denken. Anders geht es nicht. Denn es gibt nicht EINE einfache Antwort. Es gibt nur Koordinaten, die euch helfen einen (beglückenden!) EIGENEN Erkenntnisprozess in Gang zu setzen, den ihr dann wiederum bei allen anderen initiieren könnt…

Trotzdem versuche ich, es euch so leicht wie möglich zu machen – so gut ich kann: Ich habe alles aufgeschrieben und darüber hinaus versuche ich auf verschiedenste Weise, euch einen möglichst individuellen Einstieg zu ermöglichen (Auswahlprinzip), euch neugierig zu machen, eure intrinsische Motivation zu wecken… Wenn der eine Zugang nicht der eure ist, dann wählt einen anderen:

Es gibt Bücher, Materialien, Karten, Workshops, Videos auf YouTube, den Film von Rosa von Praunheim, ACT e.V., … Also eigentlich eine wahre Spielwiese der Möglichkeiten… Wenn ihr wollt. Aber das ist wichtig. Wenn ihr nicht wollt, kann keine Erkenntnis kommen.

Was ich zur Frage der erwähnten Teilnehmerin aber hier noch empfehle, ist folgenden Text hier am Schluss dieses Eintrags zu meinem „Kapital Mischpult“ zu lesen und dann die Folgen 12 und 13 zum Kapital Mischpult auf YouTube anzuschauen…

Und vielleicht in „Befreit euch!“ das Kapitel „Gruppenreise“ zu lesen – und überhaupt darin zu schmökern.

Und weiter drüber nachdenken müsst ihr dann leider leider selber. Wenn ihr wollt. Ich kann euch nur einladen. Zur Tür herein kommen müsst ihr schon selber.

Hier der Text zum Kapital Mischpult  und viel Freude mit den Folgen 12 und 13 bei „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“ auf YouTube.

Folge 12: Das Kapital Mischpult

Das Kapital – nicht nach Karl Marx sondern hier mal anders… Das Kapital Mischpult habe ich – ausgehend von Pierre Bourdieu – entwickelt, um zu veranschaulichen, wo zwischen Menschen Barrieren entstehen: Durch ungleich verteiltes Kapital und die Tatsache, dass wir darüber nicht offen genug sprechen. Könnten wir alle einfach ehrlich darüber reden, über welches Kapital wir verfügen und welches uns fehlt, könnten wir Ungleichheit – zumindest in Teilen – konstruktiv überwinden. Vor allem aber wäre es ein konstruktiver Weg, allen Menschen einen Zuwachs an folgendem Kapital zu ermöglichen: Selbstwert, Selbstwirksamkeit und soziale Anerkennung.

Folge 13: In dieser Folge spreche ich mit Sinan über ungleich verteiltes symbolisches, kulturelles und soziales Kapital und persönliche Auswirkungen im Alltag.

Wenn wir davon ausgehen, dass Kommunikation dann am produktivsten ist, wenn es keine Statusabstände gibt („Gespräch unter Freunden“), müssten wir versuchen, ungleich verteiltes symbolisches Kapital wahrzunehmen und zu berücksichtigen und durch die Kunst eines ständigen Ausgleichs von Status im Gespräch (Status-Wippe) konstruktive Gesprächsbedingungen zu schaffen. Dabei liegt die größere Verantwortung jeweils bei der Person, die höheres Kapital besitzt. Die Person, die sich aufgrund von Vorteilen sicherer fühlen kann, muss mehr Demut und Respekt aufbringen als die Person, die an dieser Stelle über weniger „Kapital“ verfügt. Dies funktioniert nach dem Prinzip der Statuswippe: Ich gehe im Status nach unten, damit mein Gegenüber im Status (im Selbstwert) gehoben wird. Auf diese Weise können wir uns auf einem „Status-Plateau“ begegnen – jenseits von Status – wo wir tatsächlich MITEINANDER kommunizieren: Im Sinne von wirklichem Zuhören und gegenseitigem Erkenntnisgewinn. Beispiel: Wenn ich als weiße Lehrerin über mehr normatives Kapital verfüge als beispielsweise meine türkische Schülerin, dann liegt es in MEINER Verantwortung, diese Ungleichheit aufzulösen, in dem ich MEHR Anstrengung, Sensibilität und Entgegenkommen aufbringe als mein Gegenüber – um das Ziel einer produktiven Kommunikation zu erreichen. Im übrigen nicht im Sinne von Protektionismus – sondern im Sinne von Demut, Neugier und Interesse. Umgekehrt erlebe ich genau das interessanterweise häufig – und habe genau dadurch gelernt… Beispiel: Wenn ich mich in einem Raum befinde, in dem ich die einzige Weiße bin, ich also plötzlich über WENIGER normatives Kapital verfüge, wurde mir bemerkenswerterweise oft eine sehr einfühlsame, offene und zuvorkommende Haltung entgegengebracht: Die anderen gingen intuitiv im Status runter (Gastfreundlichkeit, Wärme), um mir meine Unsicherheit zu nehmen. Was für eine (Lern-) Erfahrung! Das Kapital Mischpult ist ein Anfang, sich dafür zu sensibilisieren, wo überall ungleiche Machtverhältnisse (Statusabstände) existieren und Kommunikation in der Folge beeinträchtigt ist. Sobald wir das mitdenken, können wir anfangen zu trainieren mit anderen auf die Ebene eines „Gesprächs unter Freunden“ zu kommen. Wenn wir dieses ständige Ausgleichen von ungleichem „Kapital“ besser beherrschen würden, wäre das ein Meilenstein auf dem Weg zu einem menschlicheren Miteinander – und zu einer wesentlich höheren Qualität der Ergebnisse…

(Wer dagegen meint, dass die Qualität in stark hierarchischen Verhältnissen steigt, sollte dann vielleicht lieber bei den Harvey Weinsteins und Dieter Wedels dieser Welt in die Lehre gehen… Schlechter Scherz. Ich persönlich erlebe jedenfalls tagtäglich das Gegenteil und biete deshalb eine durchdachte Alternative an…).