Das Buch »Befreit euch!« ist bewusst KEIN »langweiliges didaktisch-theoretisches Lehrbuch im Null-Acht-Fuffzehn-Format«. Ich habe mir die FREIHEIT genommen, es im Sinne der zugrundeliegenden Gesamt-Idee sehr vielseitig zu gestalten. Das heißt: Es gibt sehr viel gelebte Erfahrung aus der Praxis, Unterhaltsames und Theoretisches, Lustiges und Ernstes, Persönliches und Politisches. All das aber bezogen auf mein Gesamt-Anliegen: unser Bildungssystem schleunigst zu verändern – eine andere Perspektive darauf einzunehmen! In meinem Buch verfolge ich dieses Anliegen ganz bewusst auf »verschiedenen Kanälen«… Weil ich von den verschiedenen Facetten des Universums »Mensch« ausgehe und nicht von einem Standard-System. Wer die 428 Seiten auf den ersten Blick also einschüchternd findet, dem rate ich: Schmöker mal rein… Es ist nicht so theoretisch, wie es aussieht… Und hier, als Beweis, eine kleine Leseprobe – der Beginn des Buches:

WAS BISHER GESCHAH – UND WIE ES ZU DIESEM BUCH GEKOMMEN IST

2013 habe ich nach 17 Jahren den verbeamteten Schuldienst aufgegeben, um individueller und produktiver mit Jugendlichen arbeiten zu können, als es in den derzeitigen Strukturen von Schule möglich ist. Seither leite ich gemeinsam mit zwei Kolleginnen die Bildungsinitiative ACT e.V. und führe meine konzeptionelle Arbeit dort im täglichen praktischen und kreativen Austausch fort – sowohl mit Jugendlichen als auch mit Pädagogen*innen, Künstler*innen, Kulturschaffenden und allen Menschen, die sich auf die Suche nach produktiveren Bildungskonzepten gemacht haben.

Ich bin als Kind zweier Oberstudienräte in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Im Anschluss an eine behütete Kindheit zwischen Geigenkasten und Ballettschläppchen, beschloss ich Lehrerin zu werden. In den ersten Jahren hatte ich das Gefühl, meine Berufung gefunden zu haben: Ich konnte – und kann mir bis heute – nichts Erfüllenderes vorstellen, als mit einer Gruppe von Jugendlichen gemeinsam kreative Lernprozesse in Gang zu bringen und mit ihnen immer neue Erkenntnisse zu erlangen.

Der berufliche Wechsel nach Berlin im Jahr 2004 führte mich aus Mangel an anderen freien Stellen an eine Hauptschule in Neukölln. Dort brachen innerhalb kürzester Zeit alle meine vermeintlichen Gewissheiten zusammen. Mir wurde klar, dass ich in einer »Blase« gelebt hatte und dass unser Bildungssystem in seiner derzeitigen Form in keinster Weise geeignet ist, der Vielfalt anderer Perspektiven konstruktiv zu begegnen.

Nichts, was ich in meinem bisherigen Leben erfahren bzw. im Referendariat gelernt hatte, war in der neuen Situation hilfreich. Weder die bisher erlernten pädagogischen Methoden, noch autoritäre Maßnahmen, noch Notendruck hatten irgendeine produktive Wirkung. Ganz im Gegenteil erlebte ich eine große Hilflosigkeit sowohl auf systemischer als auch auf menschlicher Seite im Angesicht der verschiedenen Ausgangssituationen und Hintergründe der Jugendlichen.

Ich konnte beobachten, dass in den herausfordernden Situationen vielfach autoritär auf die Jugendlichen reagiert wurde, was die Situation nur immer weiter verschlimmerte und zu Gefühlen von Demütigung auf allen Seiten führte – sowohl bei den Lehrkräften als auch bei den Jugendlichen. Dies machte Lernfortschritte nahezu unmöglich.

In dieser Situation beschloss ich eine Art Mind-Reset und überdachte alles noch einmal von vorne. Ich fragte mich: Was kann ich tun, damit sowohl innerlich (in mir und in den Jugendlichen) als auch äußerlich wieder Ordnung und Struktur entstehen kann? Was braucht es, damit mir mein Beruf wieder sinnvoll erscheint und ich Lern- und Gestaltungsprozesse in Gang setze, die für die Jugendlichen produktiv sind?

Im täglichen Probieren und Scheitern und wieder Neu-Probieren habe ich um den Sinn und den Wert meines Berufes gerungen. Das war nicht immer einfach. Aber: Dabei ist in jahrelanger Auseinandersetzung und zunehmender Zusammenarbeit mit den Jugendlichen mein Konzept entstanden: das Konzept des partizipativen Theaterunterrichts und der Demokratischen Führung, das ich in dieser neunten und letzten Publikation zu diesem Thema grundsätzlich zusammenfasse und beispielhaft anhand aller einzelnen Phasen anschaulich beschreibe.
 Es ist ein Konzept, das – provokant formuliert – am Ende die Lehrkraft überflüssig macht. Bis dahin aber ist es ein weiter, spannender und erfüllender Weg, der die Jugendlichen in ihren unterschiedlichen Potentialen sichtbar macht und vor allem die drei grundsätzlichen Bestandteile eines gelungenen Bildungsprozesses nachhaltig vermittelt: Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit und soziale Anerkennung.
 Das vorliegende Konzept ermutigt zu einem grundsätzlichen Perspektivwechsel hin zu einem Bildungsverständnis, das vom Menschen ausgeht – und nicht von den Zwängen eines »Systems«. Damit wir wieder die Möglichkeiten sehen können, Systeme zu hinterfragen und sie konstruktiv zu verändern.