In den gerade aktuellen Folgen 10 und 11 meiner Serie „Rede-mal-ordentlich-Frau-Plath“ geht es um einen Artikel in der aktuellen ZEIT Ausgabe vom 15. März mit dem Titel „Großes Karo, bitte!“ (Autor Manuel J. Hartung).

Darin zitiert der Autor die Aussage von Jack Ma (Chef des Internetriesen Ali Baba), „Schüler sollten vor allem das lernen, wodurch sie sich von Maschinen unterscheiden: Teamarbeit, Kunst und Musik“.

Theater auch noch. Füge ich hinzu. Aber insgesamt sehe ich das natürlich – wenig überraschend – ähnlich und setze daher auf mein Konzept, das genau auf diesen beiden Säulen basiert: Künstlerische Arbeit und Kooperation. Alle arbeiten gemeinsam im Kollektiv an einem übergeordneten Ziel. Jede*r entwickelt das weiter und bringt das ein, was er sie es am besten kann. Alle lernen Demokratische Führung. Alle lernen, Verantwortung zu übernehmen und arbeiten grundsätzlich im Team.

Ich denke die ganze Zeit (ernsthaft) – dass wir an Schulen nur noch so arbeiten sollten. Ich halte das auch für absolut realistisch. Weil ich weiß, dass diese Arbeitsweise extrem produktiv und innovativ ist und sich niemals erschöpft. Schon alleine mit meinem Konzeptvorschlag lässt sich bis zum St. Nimmerleinstag kreativ und anspruchsvoll arbeiten. (Das glauben jetzt natürlich nur die, die in meinem Konzept schon voll eingestiegen und eigene Erfahrungen in der Praxis gemacht haben). Aber die immerhin…

Ich wünschte, wir würden in unseren Schulen den Perspektivwechsel wagen, die Noten abschaffen und mit dem Drei-Schritt für innovative Arbeits- und Lernprozesse konsequent beginnen:

1. Ziele formulieren

2. Experimentier – und Spielwiesen/ Erfahrungsräume eröffnen

3. Im ständigen Austausch reflektieren

(genau beschrieben in meinem Buch „Befreit euch! Anleitung zur kleinen Bildungsrevolution“).

Was passiert, wenn wir das wirklich konsequent durchziehen, erlebe ich unter anderem auch gerade in meiner Arbeit mit den Neuköllner Jugendlichen im ACT Lab. Meine Kollegin Anna Weber war letzten Donnerstag zu Besuch und hat einen Bericht darüber geschrieben. Hier ist er. Viel Spaß beim Lesen und Mut schöpfen…

 

Probenbericht aus dem ACT_Lab – von Anna Maria Weber:

Letzten Donnerstag war ich zu Besuch im ACT_Lab. Das ist unser neuer eigener Ort, an dem jetzt jeden Nachmittag Angebote für Kinder und Jugendliche stattfinden. Ich war bei den sogenannten ACTeuren zu Gast. Das sind junge Erwachsene, die schon viele Jahre in den Theaterprojekten waren und nun selber zu Anleitenden werden. Sie werden allerdings nicht alle zu Theaterpädagogen ausgebildet, sondern suchen sich ihre Arbeits- und Interessensfelder selber. Momentan arbeiten sie an einem Film: „Amers Geschichte“.

Als ich reinkomme sitzen schon die ersten in der Küche. Sie hören Musik, zeigen sich gegenseitig Fotos, Quatschen. Ich setze mich an den Rand und mache schnell noch ein paar Mails. „Geht ja noch nicht los“, denke ich. Um mich rum wuselt es. Nach und nach kommen mehr Leute an. Als ich nach einer Weile wieder hochgucke, ist das Set aufgebaut. Lampen, Kabel, eine Leiter, eine Decke auf dem Boden also provisorisches Bett. Yussuf fehlt noch. Ohne ihn kann es nicht losgehen. Trotzdem bleiben alle irgendwie entspannt. Sie machen erstmal ein paar schöne Fotos für Instagram mit den professionellen Lampen. „Wann geht´s denn hier los?“ denke ich. Das kenne ich aus den Theaterproben ganz anders. Da gibt es einen klaren Anfang, alle sitzen im Kreis, der Ablauf wird geklärt, … Hier morphen sich alle nach und nach rein. Mir fällt auf, dass Hussein anders aussieht. „Im Sakko? Und seit wann trägt Lilly Kopftuch? Ah, das sind Kostüme!“ Yussuf kommt. Und plötzlich geht alles ganz schnell. Lichter an. Sinan klärt mit Amer, welche Einstellung es sein soll. Er zeigt ihm auf der Kamera welche Möglichkeiten es gibt und wie es dann aussieht. Sie beraten sich kurz, Amer entscheidet. Dann steht Sinan oben auf der Leiter mit der Kamera, zwei halten die Lichter. „Nee, noch ein Stück zurück. Man sieht sonst deine Füße.“ Diese Szene soll später im Zeitraffer eine Nacht zeigen, Ton wird also nicht gebraucht. Als die Schauspieler*innen sich hinlegen, stellen sie fest, dass die Decke viel zu klein ist. „Egal“, sagt jemand, „das kann ja auch witzig sein, wenn ihr euch immer wieder gegenseitig die Decke wegzieht.“ Ist es! Als die Szene das erste Mal gedreht wird, müssen alle immer wieder lachen.
Wir Erwachsenen sitzen am Rand. „Hört doch mal auf zu lachen!“ denke ich, sage aber nichts. Alle kichern noch ein bisschen weiter. Sinan wartet kurz ab, ruft dann „cut“ und sagt: „Ihr müsst aufhören zu lachen, sonst sieht man euch wackeln, auch wenn man euer Gesicht nicht sieht“. Also noch einmal. Dieses Mal klappt alles. Die Szene ist innerhalb von 20 Minuten abgedreht. Ich sitze da und bewundere die Mischung aus Pragmatismus, Humor und Kreativität mit der hier ganz selbstverständlich alle agieren. Fast zu schön, um wahr zu sein.

Ich bin verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit bei ACT. Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass Menschen, die nicht in der Probe sitzen können, einen Eindruck von der Arbeit bekommen. Dass sie ein Stück weit teilhaben können, an den Prozessen, Ergebnissen und Ideen. Denn wir wollen ja, dass sich Bildung grundlegend verändert. Wir wollen uns ja mit all den Menschen zusammentun, die wirklich am Lernfortschritt ihrer Schüler*innen interessiert sind. (Ja, es gibt leider auch „Pädagog*innen“, auf die das eindeutig nicht zutrifft!).

Aber was ich gestern im ACT_Lab gesehen habe, ist zu komplex. Das war kein einfacher Filmdreh, der zufällig gut gelaufen ist. Das war ein Prozess und gleichzeitig ein Ergebnis von jahrzehntelanger Arbeit. Das weiß ich, weil ich einige der Jugendlichen seit sechs Jahren kenne. Und damit meine ich nicht, dass sie damals ja noch so krass waren und wir sie jetzt gezähmt haben. Nein, eine klischebeladene-Brennpunkt-Hauptschulen-Erzählung ist es eben nicht. Es ist eine Geschichte, die unfassbar viele Theaterproben, konzeptionelle Arbeit, Konflikte, gemeinsame Erlebnisse, Krisen, Aufführungen, Gedankenarbeit, Reflexion, Tränen, Streit, Premieren, Sonnenblumenkerne, Festhalten, Loslassen, Cola zero, Chinanudeln, Beziehungsarbeit, Telefonate mit dem Berliner Krisendienst, Vorbereitung, technische Einarbeitung, Diskussionen, WhatsApp-Nachrichten und Liebe umfasst. Ja, auch und vor allem Liebe. Auch wenn es kitschig klingt. Liebe zur Arbeit und zu einem menschlichen liebevollen Umgang mit sich selbst und der Welt.

Nachdem drei Szenen abgedreht sind, sitzen noch alle zusammen und essen. Hussein und Yussuf haben Pommes und Chicken Wings geholt. Der Tisch steht voller Kram, dazwischen die Boxen mit Essen. Es läuft Musik. Ich sitze dazwischen mit meinem überwürzten Hühnerbein und frage mich, warum wir Erwachsenen uns eigentlich nicht mal an der richtigen Stelle „locker machen können“? Warum fokussieren wir uns eigentlich immer so auf Sachen wie ein ordentlich gedeckter Tisch und sehen nicht, wie schön es sein kann mitten im Chaos Fastfood zu essen und einfach zusammen zu sein.
Ist es unsere Verantwortung sie zu erziehen? Ihnen zu zeigen, was richtig ist? Wie man sich gesund ernährt? Wie man Ordnung hält? Ganz ehrlich: Das wissen sie doch! Ohja, denn ich kenne auch die Momente, in denen sie mit Akkuratesse, die ihresgleichen sucht den Tisch liebevoll decken, frisches und gesundes Essen zubereiten und dabei genauso viel Spaß haben. Und ich frage mich: Was würde eigentlich passieren, wenn wir Lehrer*innen, Pädagog*innen und Eltern uns mit den Jugendlichen verbünden würden. Wenn wir mit ihnen gemeinsam um gute Prozesse und Lernfortschritte auf allen Seiten ringen würden. Und wenn wir statt uns über laute Musik zu ärgern, uns lieber mit unserer ganzen Wut und Energie dafür einsetzen, dass wir Orte schaffen, an denen alle was lernen können und niemand den anderen bewerten muss. An dem wir gemeinsam an Zielen arbeiten und lernen, wie sich Verantwortung anfühlt?

Ja, das ist ein weiter Weg! Und die Demut vor diesem Weg sitzt uns tief in den Knochen. Denn wir wissen, was dazu alles nötig ist. Aber wir wissen auch, wie schön es ist, wenn am Ende des Tages alle stolz und zufrieden nach Hause gehen können. Die Erwachsenen und die Kinder.

Bericht: Anna Maria Weber

Fachliche und konzeptionelle Leitung: Maike Plath
Projektleitung: Stefanie López

ACT_Lab, Sonnenallee 124, Berlin-Neukölln
Das ACT_Lab ist Teil des Projektes „Resonanz – Qualität durch gelingende Beziehungsgestaltung“ und wird kofinanziert durch Mittel des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) im Rahmen der Zukunftsinitiative Stadtteil (Programm Bildung im Quartier), die Software AG-Stiftung, die Joachim Herz Stiftung, die Stiftung Edith Maryon gGmbH, die Bödecker-Familienstiftung für Kinder und die Losito • Kressmann-Zschach Foundation.

Herzlichen Dank!