Neue Folgen der YouTube Serie „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“

Es gibt nun neue Folgen von „Rede mal ordentlich, Frau Plath!“ Ich habe mir viel Rat geholt. Besonders auch bei den Jugendlichen. Deswegen sind die Folgen jetzt auch immer kurz und knackig.
Warum ich als alte Lehrerin trotzdem meine, einen YouTube Kanal haben zu müssen, habe ich bei der Gelegenheit auch raus gefunden:
Ich möchte, dass mehr über Bildung nachgedacht wird. Und zwar auf konstruktive und persönliche Weise. YouTube ist ein persönliches Format. Das gefällt mir daran. Ich möchte euch auch weiterhin im Alltag durch meine Folgen dazu ermutigen, Bildung neu, mutiger und menschlicher zu denken. Sich zu trauen, persönliche Ansichten dazu zu äußern, im Dialog zu bleiben und vor allem: Die große schöne Chance zu sehen, DOCH etwas ändern zu können!
Gemeinsam geht noch was. Da bin ich ganz sicher.
Ich wünsche euch viel Spaß mit meiner ersten neuen Folge! Weitere Folgen im Wochen-Takt! Befreit euch!

Hier der Link zur neuen Folge

 

https://youtu.be/UBmw8tD2IFQ

 

Sind Konzepte, die aus der Praxis heraus entstehen, „unterkomplex“?

Ich bin eine Frau der Praxis. Alles, was ich entwickelt und beschrieben habe, ist durch die Praxis – in der täglichen konkreten Erfahrung – entstanden – und bewährt sich darin immer wieder. Die Fragen, die mich Schritt für Schritt zur Entwicklung meines Konzepts motiviert haben, waren immer diese: Funktioniert es in der Praxis, erfüllt es meinen Anspruch an diese Arbeit und bringt es meine Vision von einer menschlicheren Gesellschaft voran? Nur dann war es für mich der Verschriftlichung und  der Verbreitung wert. Überall dort, wo Bildung und Theaterpädagogik eher theoretisch und mit intellektuellem Gestus verhandelt werden, nehme ich hin und wieder – aus der Ferne – eine gewisse Distanz wahr. Von außen werden aus dem Elfenbeinturm „bunte Karten“ wahr genommen. Sieht nach einfachen Lösungen aus der Praxis aus. Unterkomplex. Das erheitert mich inzwischen. Zumal mir von all denen, die sich in der Tiefe mit dem Konzept beschäftigen und damit arbeiten, sehr schnell  das Gegenteil „vorgeworfen“ wird: Das ist ja total komplex! Man „hatte sich doch einfachere Lösungen erwartet…!“ Dazu kann ich nur immer wieder sagen: Es gibt keine Rezepte. Aber es gibt konzeptionelle Koordinaten, die Orientierung geben und immer wieder erfolgreiche EIGENE Prozesse ermöglichen. Solche Koordinaten habe ich gefunden und beschrieben. Sie funktionieren. Sie wurden von mir auf der Grundlage meiner Praxis-Erfahrungen entwickelt. Manchen Theoretiker_innen erscheinen sie offenbar deswegen auf den ersten Blick „verdächtig“.

Heute habe ich einen interessanten Text dazu gefunden:

„Wer die zentralen Fragen des Lebens pragmatisch angeht, ist kein Theoretiker, ja, überhaupt kein besonders reflektierter Mensch? Falsch gedacht! Unter dem Begriff des Pragmatismus bildet sich Ende des 19. Jahrhunderts an der amerikanischen Ostküste eine Denkschule heraus, die zu den inspirierendsten unserer Zeit zählt.

Von Martin Duru

Amerika, das mächtige, glänzende, beneidete, ist als Sündenbock erst seit dem Ende des Ersten Weltkrieges so recht zu verwenden“, schreibt Ludwig Marcuse in seinem 1959 erschienenen Buch „Amerikanisches Philosophieren“. Und was Marcuse hinsichtlich des deutschen Antiamerikanismus festhält, gilt für die deutsche Haltung gegenüber dem Pragmatismus als ureigener Denkschule der USA. „Auch diese vier Silben“, fährt Marcuse fort, „wurden zum Schimpfwort – unter Leuten, die sich den Anschein gaben, dass sie sich nicht herablassen zu schimpfen.“ Wer sich allerdings die Mühe macht, sich ohne kulturelle Vorurteile auf diese Strömung einzulassen, wird in ihr einen ganzen Kontinent reichster Gedanken entdecken, die jede demokratische Gesellschaft und jedes bewusst geführte Leben in vielfacher Weise bereichern. Mit anderen Worten: Im Pragmatismus kommt die Idee Amerikas im besten Sinne zu sich. Hier soll seine Geschichte erzählt werden.

Cambridge, Anfang der 1870er-Jahre. In der amerikanischen Kleinstadt, in der die Harvard University beheimatet ist, gründet eine Handvoll junger Intellektueller den später legendär gewordenen Metaphysical Club. Unter den Mitgliedern der informellen Gruppe finden sich zwei Freunde, die an der renommierten Universität studiert haben. Der eine heißt Charles Sanders Peirce. 1839 als Sohn eines Mathematikers geboren, hat er bereits durch brillante wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit Astronomie wie auch mit Logik befassen, Beachtung gefunden. Der andere, drei Jahre jünger, ist William James, Bruder des Schriftstellers Henry James. Auch er stammt aus der gesellschaftlichen Elite, sein Weg zum Medizindiplom ist vorgezeichnet. Die Diskussionen im Metaphysical Club kreisen um Themen wie Darwins Evolutionstheorie, Zufall oder Glaube. Um diese Debatten zu fundieren und seine eigenen Positionen zu markieren, publiziert Peirce 1878 den Artikel „How to Make our Ideas Clear“. Der Titel benennt bereits das Ziel: Um das Denken zu entwirren, gilt es zu untersuchen, „welche – möglicherweise praktisch bedeutsamen Folgen – der Gegenstand unserer Konzeption hat“. Die Bedeutung eines Gedankens zeigt sich in der Erfahrung, anhand seiner beobachtbaren Resultate: Peirce stellt hier eine Regel auf, die zum theoretischen Grundpfeiler des Pragmatismus avanciert – ein Begriff, der in dem Artikel nicht auftaucht, von Peirce aber bei den Zusammenkünften des Clubs in Anschlag gebracht wird. Das Credo ist formuliert, alle Bedingungen dafür, dass die Bewegung nun in Gang kommt, scheinen gegeben. Doch bis dahin müssen noch 20 Jahre vergehen.

In der Zwischenzeit schlagen die beiden Freunde gegensätzliche Pfade ein: Während James ein berühmter Professor für Philosophie und Psychologie in Harvard wird, findet Peirce keine Anstellung. Er erlebt allerhand Turbulenzen, die auch seinem unnachgiebigen, an Arroganz grenzenden Charakter geschuldet sind – während James umgänglicher und bodenständiger ist. Zudem ist die puritanische Gesellschaft von Peirces Lebenswandel schockiert: Man sagt ihm eine zügellose Leidenschaft für Bordeaux-Weine und Liebesaffären nach. Seine Frau verlangt die Scheidung. Sieben Tage nach deren Vollzug heiratet er seine französische Geliebte – und zieht sich mit ihr auf eine Farm in Pennsylvania zurück.

Auf dem Weg zur Trendphilosophie

Während sich Peirces Ruf im Niedergang befindet, erlebt der Pragmatismus schließlich einen steilen Aufstieg – vom sonnigen Kalifornien aus. 1898 hält James vor mehr als 1000 Zuhörern einen Vortrag an der Universität von Berkeley. Nach einem lyrischen Einstieg, in dem er die Westküste als das „Eden“ der Zukunft preist, macht er „Peirces Prinzip“ beziehungsweise „das Prinzip des Pragmatismus“ geltend – das er wörtlich aus dem Artikel von 1878 zitiert. James’ Ausführungen sind wirkungsvoll inszeniert: Er erklärt, dass er den Anwendungsbereich des neuen Denkens erweitern wird. Pragmatismus bedeutet für ihn, jeden Gedanken auf seine praktischen Konsequenzen hin zu untersuchen; es gelte stets zu prüfen, welches „Verhalten“ eine Idee „diktiert oder anregt“, man müsse sie in den Fluss der subjektiven Erfahrung tauchen. Sodann spricht er über Gott. James will niemanden bekehren, sondern seine These illustrieren: Um zu verstehen, was Gott ist, nützt es nichts, ein Lehrbuch der Theologie aufzuschlagen; es genügt zu betrachten, wie der, der an ihn glaubt, handelt und denkt – die Religion hat konkrete Folgen, insofern sie im alltäglichen Leben Hilfe bietet, ja sogar der nach Sinn suchenden Seele Frieden verschaffen kann.

Nach dieser spektakulären Rede, dem öffentlichen Geburtsakt dieser geistigen Strömung, setzt sich der Pragmatismus als eine modische Philosophie durch. Anhänger bekennen sich zu ihm, die Zeitungen greifen das Schlagwort auf. Das darf allerdings nicht die Differenzen zwischen seinen Begründern verdecken: Für Peirce ist der Pragmatismus eine Methode der Begriffsklärung, die sich in erster Linie auf die Wissenschaft erstreckt, keine Weltanschauung, die das Individuum ansprechen soll. Eben diesen Weg beschreitet jedoch James, indem er den Pragmatismus auf ethische und religiöse Fragen bezieht. Peirce stößt diese existenzielle Wende ab: Er teilt Spitzen gegen seinen Weggefährten aus – unter anderem brandmarkt er seine „hypersensualistische Psychologie“ – und prägt den konkurrierenden Begriff „Pragmatizismus“, der ihm „hässlich genug“ scheint, um „vor Kidnappern sicher zu sein“.

 Schon bald nach seiner Entstehung wird der Pragmatismus als eine Denkschablone für Erfolgsbesessene attackiert

Ein vergeblicher Zorn: James, der seine theoretischen Anleihen bei Peirce nie zu verbergen versucht und seinem Freund immer moralische wie materielle Unterstützung gewährt, bleibt bei seinen Überzeugungen. Auf der Grundlage weiterer Vorträge veröffentlicht er 1907 „Der Pragmatismus“, ein echter Bestseller – binnen eines Jahres erscheinen fünf Neuauflagen. James entwickelt darin vor allem sein Verständnis von Wahrheit, das er in pointierte Formulierungen fasst: „,Das Wahre‘ ist, um es kurz zu sagen, nichts anderes als das, was uns auf dem Wege des Denkens vorwärtsbringt“; Wahrheiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie „lohnen“, funktionieren. Mit solchen Verlautbarungen wirkt der auf seinem Zenit angelangte Pragmatismus polarisierend: Er fasziniert oder schreckt ab. Die Kontroverse wird weltweit ausgetragen. In Europa zeigt sich Henri Bergson, ein guter Freund von James, begeistert von dem Buch: „Dies ist das – in bewundernswerter Weise entworfene – Programm der Philosophie der Zukunft.“ Die vorherrschende Tendenz ist indes Abwehr: Der Pragmatismus wird als eine Denkschablone für erfolgsbesessene Werbestrategen und Geschäftsmänner attackiert. An der Spitze der Gegenfront erklärt Bertrand Russell bereits 1909 in einem Aufsatz, James und seine Gesellschaft seien einem „übermäßigen Individualismus“ verfallen; sie schwörten allein auf den allmächtigen Menschen, ein typisch amerikanischer „Appell an die Gewalt“. Später überbietet er diesen Vorwurf noch: „In Amerika scheint mir die Liebe zur Wahrheit vom Handelsgeist getrübt zu werden, dessen philosophischer Ausdruck der Pragmatismus ist.“

Inwieweit trifft dies zu? Gehen wir historisch etwas zurück. Der Pragmatismus entsteht im Gilded Age, dem „goldenen Zeitalter“ der Vereinigten Staaten: Ab den 1870er-Jahren erlebt das Land einen beispiellosen Wirtschaftsboom, der Industriekapitalismus triumphiert, zahlreiche technische Innovationen vom Wolkenkratzer bis zum Ford-Modell T kommen auf. In dieser Zeit entstehen auch die prägenden Mythen der amerikanischen Vorstellungswelt: Die frontier (dt.: Grenze), die unablässig vorwärtsgetrieben und wieder zurückgedrängt wird, und heroische Figuren wie der Selfmademan (nach dem Vorbild Andrew Carnegies, der es vom mittellosen schottischen Einwanderer zum Stahlmagnaten brachte) oder der Cowboy, der die weiten Ebenen beherrscht. Wenngleich James nicht das Geld heiligspricht, ist er in diesem Sinne ein sehr amerikanischer, vom Ideal des Pioniers beseelter Denker: Aus seinem Werk spricht ein Optimismus der Willenskraft, als Abenteurer und Unternehmer beschreitet der Mensch eine „formbare“ neue Welt, gestaltet er eine „fügsame“ Wirklichkeit.

Dieses Bild ist jedoch unvollständig. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert entdeckt Amerika auch die Schattenseiten der eigenen Gesellschaft. Die Ungleichheiten verschärfen sich. Die ins Land strömenden Einwanderer leben häufig unter skandalösen Bedingungen. Im Süden herrscht das Unwesen der „Rassentrennung“ fort, fast täglich werden Schwarze gelyncht; den Ureinwohnern werden unterdessen ihre Territorien genommen, sofern sie nicht gleich massakriert werden. Ausgrenzung und Gewalt verfolgen ein Land, dem bewusst wird, dass sein Traum jeden Augenblick in einen Albtraum umschlagen kann. In der Zivilgesellschaft bildet sich eine humanistische, fortschrittliche Bewegung heraus, und auch auf dieser Linie ist der Pragmatismus zu verorten. James lehnt Gewalt und Autoritarismus ab und tritt für einen toleranten Pluralismus ein; seine gesellschaftliche Vision ist ein von Wohlwollen geprägter Schmelztiegel, ein Archipel von Glaubensrichtungen, die sich nicht den jeweils anderen aufzuzwingen versuchen.

James stirbt 1910 auf dem Höhepunkt seines Ruhmes. Und Peirce? Er stirbt vier Jahre später, bitterarm und in Vergessenheit geraten – das lehrreiche Schicksal eines Mannes, der als Urheber einer Siegerphilosophie gilt. Der Pragmatismus wird mit einem dritten wichtigen Protagonisten, John Dewey, neuen Schwung bekommen, der der Bewegung zugleich eine stärker politische Richtung gibt.

Die Logik des Learning by Doing

1859 in Burlington, Vermont, geboren und in einem streng calvinistischen Milieu aufgewachsen, ist Dewey in seinen Studien vom hegelschen Idealismus geprägt. Er liest aber auch Peirce und James und arbeitet ausgehend von ihren Schriften eine originelle Philosophie der Erfahrung aus, worunter er einen Prozess der Interoder „Transaktion“ zwischen dem Individuum und seiner Umwelt versteht: Ein Organismus passt sich an seine Umgebung an. Bestimmend ist hier der Einfluss Darwins, dessen Werk „Über die Entstehung der Arten“ in Deweys Geburtsjahr erschienen ist. Daraus ergibt sich ein umfassendes Programm. Für Dewey geht es stets darum, eine „Untersuchung“ durchzuführen – ein Begriff, den er von Peirce übernimmt –, also eine gegebene Situation zu analysieren, ihre Probleme zu erkennen und Lösungen zu entwerfen und auszuprobieren. Und wie James betrachtet er einen Gedanken dann als gut, wenn er zum Erfolg führt.

Dewey verspottet die Herrschaft des homo oeconomicus, der nur seine eigenen Interessen verfolgt

Diese Logik des Experimentierens setzt Dewey selbst in die Praxis um – auf dem Feld der Pädagogik. Als Professor an der Universität von Chicago entwickelt er von 1896 bis 1904 federführend eine Versuchsschule, die später nach ihm benannte „Laboratory School“. Sie beruht auf innovativen Prinzipien: Die Schüler gehen im Rahmen von Projekten Handarbeiten wie Basteln oder Nähen nach – die Sechsjährigen etwa bauen eine Miniaturfarm, um Getreide zu züchten. Elementares Wissen wird gleichsam nebenbei vermittelt, je nach den gegebenen Erfordernissen: Learning by Doing. Diese auf der Partizipation der Schüler und ständigem Dialog basierende Erziehung hat laut Dewey die Förderung von „Autonomie und sozialer Kompetenz“ zum Ziel.

Fähigkeiten ausbilden, das Potenzial des Individuums entfesseln – steht Deweys Pragmatismus im Dienst eines ungezügelten Kapitalismus? Im Gegenteil: Dewey ist ein dezidierter Linker. Mittlerweile berühmt geworden, verspottet er unablässig die „Oligarchie des Reichtums“ und die Herrschaft des homo oeconomicus, der nur seine eigenen Interessen verfolgt. In der Zeit der Großen Depression kritisiert er den New Deal von Präsident Franklin D. Roosevelt als zu zaghaft und versöhnlich gegenüber dem Kapital. Man ahnt den Paukenschlag, der nun kommt: Als Amerika eine wachsende obsessive Furcht vor dem Kommunismus entwickelt, wird er als „Roter“ gebrandmarkt. 1928 reist der Weltenbummler Dewey in die Sowjetunion und kehrt nicht ohne Begeisterung zurück. Die Säuberungen des Jahres 1936 überzeugen ihn indes vom totalitären Charakter des Regimes. Ein Jahr später sitzt er der Kommission vor, die Stalins Anschuldigungen gegen Trotzki prüfen soll, der sich nach Mexico City flüchtete – sie kommt zu dem Schluss, dass die Vorwürfe zweifelhaft sind. Danach liefert er sich in einer Reihe von Artikeln einen Schlagabtausch mit dem Theoretiker der Permanenten Revolution. Während Trotzki, um die Diktatur des Proletariats zu rechtfertigen, vor allem den Refrain „Der Zweck heiligt die Mittel“ anstimmt, erwidert Dewey, Gewalt sei nie eine Lösung, und man dürfe die Mittel nicht von den Zwecken trennen: Sie haben Folgen, die zwangsläufig die Ziele affizieren. Und der Kommunismus? Dewey ist er zu dogmatisch und zu negativ gegenüber dem Individuum eingestellt – und wenn obendrein seine Verwirklichung mit einem Misserfolg endet, kann ein Pragmatist ihm nicht länger folgen.

Eine Haltung für die Zukunft?

Im Grunde ist Dewey zutiefst amerikanisch, er glaubt nämlich fest an die Demokratie. Die Vereinigten Staaten, das waren ursprünglich Exilierte, Kolonisten, die gegen die englische Herrschaft aufbegehrten (eine Gesellschaft ohne Väter), um gemeinsam über das eigene Schicksal zu entscheiden (eine Gesellschaft der Gleichen). Deweys Vorfahren haben an der Gründung der Union teilgenommen, er selbst verstand Jefferson als jemanden, der eine Erfahrung wiederbeleben und radikalisieren wollte, die im Lauf der Zeit auf der Strecke geblieben ist. Sein Leitmotiv besagt, dass die Demokratie nicht bloß eine Regierungsform, sondern eine „Lebensweise“ ist. Das Wort bezeichnet ein Ideal, einen Anspruch: Anstatt sich damit zu bescheiden, seine Vertreter zu wählen und sich dem Urteil von Experten zu überlassen, soll sich das Volk in Form von „Öffentlichkeiten“ konstituieren, von Gruppen, in denen Beratung und Entscheidung getrennte Gewalten sind. Wiedervereint in einer „Gemeinschaft“ bestimmen und bestätigen die Individuen selbst die Maßnahmen zur Verbesserung ihres persönlichen und kollektiven Daseins. Kurzum: Das Motto Deweys, der 1952 im stolzen Alter von 92 Jahren stirbt, hätte „Make America democratic again“ lauten können.

Was dem in diverse Richtungen zersplitterten Pragmatismus Zusammenhalt verleiht, ist eine bestimmte Haltung: Er wendet sich gegen den Intellektualismus und die Abstraktionen der Metaphysik. Vom ungreifbaren Himmel der Ideen hinab zum beweglichen Boden der Erfahrung: Das Denken ist nie vom Handeln, vom Wirklichen getrennt, Wahrheit und Leben sind immer im Entstehen, in the making. Nach dem Tod seiner drei prägenden Denker erlebt der Pragmatismus mit Autoren wie Richard Rorty (1931–2007) und Hilary Putnam (1926–2016) einen neuen Aufschwung; auf dem Alten Kontinent greift Jürgen Habermas auf ihn zurück, um seine Diskursethik des „kommunikativen Handelns“ zu entwickeln. Das Potenzial dieser lebensnahen Philosophie ist noch nicht ausgereizt.“

Aus dem Französischen von Felix Kurz

http://philomag.de/es-war-einmal-in-amerika-die-story-des-pragmatismus/

 

Auszug aus meinem Buch »Befreit euch – Anleitung zur kleinen Bildungsrevolution.«

Das Buch »Befreit euch!« ist bewusst KEIN »langweiliges didaktisch-theoretisches Lehrbuch im Null-Acht-Fuffzehn-Format«. Ich habe mir die FREIHEIT genommen, es im Sinne der zugrundeliegenden Gesamt-Idee sehr vielseitig zu gestalten. Das heißt: Es gibt sehr viel gelebte Erfahrung aus der Praxis, Unterhaltsames und Theoretisches, Lustiges und Ernstes, Persönliches und Politisches. All das aber bezogen auf mein Gesamt-Anliegen: unser Bildungssystem schleunigst zu verändern – eine andere Perspektive darauf einzunehmen! In meinem Buch verfolge ich dieses Anliegen ganz bewusst auf »verschiedenen Kanälen«… Weil ich von den verschiedenen Facetten des Universums »Mensch« ausgehe und nicht von einem Standard-System. Wer die 428 Seiten auf den ersten Blick also einschüchternd findet, dem rate ich: Schmöker mal rein… Es ist nicht so theoretisch, wie es aussieht… Und hier, als Beweis, eine kleine Leseprobe – der Beginn des Buches:

WAS BISHER GESCHAH – UND WIE ES ZU DIESEM BUCH GEKOMMEN IST

2013 habe ich nach 17 Jahren den verbeamteten Schuldienst aufgegeben, um individueller und produktiver mit Jugendlichen arbeiten zu können, als es in den derzeitigen Strukturen von Schule möglich ist. Seither leite ich gemeinsam mit zwei Kolleginnen die Bildungsinitiative ACT e.V. und führe meine konzeptionelle Arbeit dort im täglichen praktischen und kreativen Austausch fort – sowohl mit Jugendlichen als auch mit Pädagogen*innen, Künstler*innen, Kulturschaffenden und allen Menschen, die sich auf die Suche nach produktiveren Bildungskonzepten gemacht haben.

Ich bin als Kind zweier Oberstudienräte in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Im Anschluss an eine behütete Kindheit zwischen Geigenkasten und Ballettschläppchen, beschloss ich Lehrerin zu werden. In den ersten Jahren hatte ich das Gefühl, meine Berufung gefunden zu haben: Ich konnte – und kann mir bis heute – nichts Erfüllenderes vorstellen, als mit einer Gruppe von Jugendlichen gemeinsam kreative Lernprozesse in Gang zu bringen und mit ihnen immer neue Erkenntnisse zu erlangen.

Der berufliche Wechsel nach Berlin im Jahr 2004 führte mich aus Mangel an anderen freien Stellen an eine Hauptschule in Neukölln. Dort brachen innerhalb kürzester Zeit alle meine vermeintlichen Gewissheiten zusammen. Mir wurde klar, dass ich in einer »Blase« gelebt hatte und dass unser Bildungssystem in seiner derzeitigen Form in keinster Weise geeignet ist, der Vielfalt anderer Perspektiven konstruktiv zu begegnen.

Nichts, was ich in meinem bisherigen Leben erfahren bzw. im Referendariat gelernt hatte, war in der neuen Situation hilfreich. Weder die bisher erlernten pädagogischen Methoden, noch autoritäre Maßnahmen, noch Notendruck hatten irgendeine produktive Wirkung. Ganz im Gegenteil erlebte ich eine große Hilflosigkeit sowohl auf systemischer als auch auf menschlicher Seite im Angesicht der verschiedenen Ausgangssituationen und Hintergründe der Jugendlichen.

Ich konnte beobachten, dass in den herausfordernden Situationen vielfach autoritär auf die Jugendlichen reagiert wurde, was die Situation nur immer weiter verschlimmerte und zu Gefühlen von Demütigung auf allen Seiten führte – sowohl bei den Lehrkräften als auch bei den Jugendlichen. Dies machte Lernfortschritte nahezu unmöglich.

In dieser Situation beschloss ich eine Art Mind-Reset und überdachte alles noch einmal von vorne. Ich fragte mich: Was kann ich tun, damit sowohl innerlich (in mir und in den Jugendlichen) als auch äußerlich wieder Ordnung und Struktur entstehen kann? Was braucht es, damit mir mein Beruf wieder sinnvoll erscheint und ich Lern- und Gestaltungsprozesse in Gang setze, die für die Jugendlichen produktiv sind?

Im täglichen Probieren und Scheitern und wieder Neu-Probieren habe ich um den Sinn und den Wert meines Berufes gerungen. Das war nicht immer einfach. Aber: Dabei ist in jahrelanger Auseinandersetzung und zunehmender Zusammenarbeit mit den Jugendlichen mein Konzept entstanden: das Konzept des partizipativen Theaterunterrichts und der Demokratischen Führung, das ich in dieser neunten und letzten Publikation zu diesem Thema grundsätzlich zusammenfasse und beispielhaft anhand aller einzelnen Phasen anschaulich beschreibe.
 Es ist ein Konzept, das – provokant formuliert – am Ende die Lehrkraft überflüssig macht. Bis dahin aber ist es ein weiter, spannender und erfüllender Weg, der die Jugendlichen in ihren unterschiedlichen Potentialen sichtbar macht und vor allem die drei grundsätzlichen Bestandteile eines gelungenen Bildungsprozesses nachhaltig vermittelt: Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit und soziale Anerkennung.
 Das vorliegende Konzept ermutigt zu einem grundsätzlichen Perspektivwechsel hin zu einem Bildungsverständnis, das vom Menschen ausgeht – und nicht von den Zwängen eines »Systems«. Damit wir wieder die Möglichkeiten sehen können, Systeme zu hinterfragen und sie konstruktiv zu verändern.